Das Rondell

Utopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Christian Paulus, der über Jahrzehnte als Architekt im gemeinnützigen Wohnungsbau aktiv war und dadurch Ingolstadt bei seinem rasanten Wachstum begleitet hat. Neben seinem Beruf ist er heute als kritischer Künstler und Autor aktiv.

Früh. Morgens. Mitte der 90er Jahre war das Rondell schräg gegenüber der Hauptfeuerwache hier auf der Schanz der letzte perfekte Fluchtpunkt für eine Pizza Hawaii. Ein einfaches und schlüssiges Konzept lockte Übernächtige, Halblinge vom Dorf oder Typen wie Max Mustermann mit „Parken und Pizza“.

Diese Schanz! Provinz oder Großstadt? Eher Letzteres: Die Marke mit 100.000 Einwohner war 1989 geknackt worden. Damals: In den Kassettendecks drehten sich noch Plastikzahnräder. Nullen und Einsen, die sich bald im Internet zu einem gewaltigen Projekt ankündigen würden schickten ihre Vorboten mit musikalischen Ergüssen wie „Hyper, Hyper“ (Scooter) oder „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ (Tocotronic) über die Lautsprecher, bzw. den Äther.

Max Mustermann war noch mit durchschnittlich 35,00 m2 Wohnfläche zufrieden. Der tägliche Verkehrskollaps war überschaubar und die Fußgängerzone noch nicht zur Resterampe verkommen. Das Prinzip Parken und Pizza setzte sich allerdings immer mehr durch. Egal ob Westpark, FOC, Aldi, Lidl, Bauhaus, Saturn und Media, der Siegeszug des motorisierten Individualverkehrs begann den Städtebau zu dominieren.

Der Niedergang des traditionsreichen Einzelhandels in der Ludwigstraße war die Folge. Heute sieht man sich den üblichen Meldungen der Tagespresse ausgesetzt. Wohnungsnot in den Ballungszentren. Der damit verbundene Stau und die steigende Verkehrsbelastung. Feinstaub und Flächenversiegelung. Weil, Max Mustermann war nicht mehr zufrieden mit der ihm zugewiesenen Wohnfläche. Es müssen heute 45,00 m2 sein.

Zugleich beklagt er sich über den Lärm und die zugeparkten Straßen. Auswüchse einer Industriestadt. Unübersehbar für den, der sehen will. Manchmal möchte man dem Max Mustermann zurufen, er möge doch gefälligst in seiner Wohnung bleiben und sich in seiner IKEA-Möblierung wohlfühlen, aber nichts da, er muss raus. Nicht einmal das Internet kann ihn aufhalten, sich in den Straßen breit zu machen, in den Naherholungsgebieten einzufallen und sich die Stadt Untertan zu machen.

Verrückte Zeiten: Die Beschleunigung unserer Systeme hat eine Dimension angenommen, bei der man sogar morgens die Tageszeitung gähnend zur Seite legen kann. Weil kurios: Meist sind die weltlichen Ereignisse in den sozialen Medien den vormals mächtigen Druckerpressen zumindest zeitlich voraus. Das Rondell hingegen ist längst Geschichte! Ein Wohnheim für Senioren hat den Ort an dem die Geschichte des Ingolstädter Autokonzerns begann ersetzt.

Und während die Alten ihrem Lebensabend entgegensehen, da muss man das begreifen, dass die Digitalisierung, also dieses Datenmonster aus Nullen und Einsen einen neuen Menschen erschaffen hat. Ob man das will oder nicht. Wissen ist immer und überall verfügbar, frei zugänglich und sich selbst stetig vermehrend. Wahrscheinlich, werden in der Zukunft derartige Unorte, wie dieses Rondell selten.

Die Max Mustermänner sitzen dann in von Silikonintelligenzen gesteuerten, ergonomisch ausgeformten Alukäfigen und daddeln sich durch die Fragen unseres Lebens während die Umwelt an ihnen vorbeifliegt. Beschäftigt mit der ewigen Qual der Wahl: Ja oder Nein? Null oder Eins? Kopf oder Zahl? Deutschland. Digital.