Quartier

Utopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Rainer Weber, Gestalter und in der Agentur Komma-D tätig, die im digitalen Bereich angesiedelt ist. Neben seinem Beruf versucht er das kulturelle Kapital der Stadt zu heben und zu mehren.

Rückblickend war es die Mühe wert, die Container, die schon mehrmals die Welt umrundet hatten, in denen schon jegliche Waren verschifft wurden und von denen jeder mehr über die See erzählen könnte als betrunkene Seefahrer, anhand dem bewährten Legosystem zu einem baulichen Unikat zu stapeln. Vermutlich ist es auch genau jene Geschichte, die diesen Ort so einzigartig und inspirierend macht. Ein Sehnsuchtsort mitten im industriell geprägten Ingolstadt.

Auch der letzte Stadtrat und mürrische Brandschutzbeauftragte ist angesichts der Vielzahl von Teilnehmern der zahlreichen kulturellen Ereignisse jetzt endlich überzeugt, dass es richtig war, die Unterstützung für das Quartier zu leisten. Die Motivation dieses Quartier zu denken, zu bauen und zu bespielen, kam aus den vielen Gesprächen mit Kreativen und Kulturschaffenden, die sich einen Ort mit Ateliers, Bühne, Gastronomie und Garten wünschten, um sich und Ihre Kunst auszuprobieren, da es in Ingolstadt keine Brachen mehr gab, die hierfür genutzt werden konnten.

Auch die Erkenntnis, dass Subkultur kein meßbarer Wirtschaftsfaktor ist und sich bottom-up entfalten muss, hat dazu beigetragen, dass sich zahlreiche Unterstützer gefunden haben, die hinter dem Projekt stehen. Das Tourismusbüro zählt seit Eröffnung deutlich mehr Besucher, da es eine überregionale Sichtbarkeit erzeugt und jeder seine Eindrücke in Echtzeit über die Blockchain teilen kann. Jetzt, da facebook nur noch ein Schattendasein frönt und wir die Hoheit über unsere Daten zurückgewonnen haben, macht es wieder Spaß, seine Eindrücke zu teilen und das Stadtmarketing profitiert von diesem viralen Marketingkanal.

Auch die Nutzung von Kulturangeboten ist stark gestiegen, seit es das bedingungslose Grundeinkommen gibt. Kultur findet nun nicht mehr ausschließlich als Abendprogramm statt, sondern ist ein ständiger Begleiter, der nicht nur konsumiert, sondern aktiv gelebt wird. Man muss sich keine Gedanken über Eintrittsgelder, Altersbeschränkung oder die Fahrt nach Hause machen, denn dies regeln virtuelle Assistenten für uns, die uns ständig begleiten und uns genauestens kennen.

Der kulturelle Wandel von einer konsum- zu einer erlebnisorientierten Gesellschaft trägt natürlich auch dazu bei, dass die Veranstalter deutlich höhere Besucherzahlen verzeichnen können, als noch vor einigen Jahren. So, jetzt sollte ich mir einen autonomen Uber rufen, denn auch in 2030 heißt es noch “don’t drink and drive”.