Kulturkapital

Utopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Benjamin Johann, der mit vielen anderen im KAP94 aktiv ist und dort den oft geforderten kulturellen und künstlerischen Freiraum schafft, der verschiedenste Individuen und Richtungen zusammenbringt.

Am gestrigen Abend diskutierten im Kunst- und Kulturzentrum Ingolstadt Wissenschaftler/innen der KU Eichstätt, FAU Erlangen-Nürnberg, LMU München und TH Ingolstadt zusammen mit dem Literaturwissenschaftler, Philosophen und Merve-Herausgeber Armen Avanessian die Anfang März eröffnete Ausstellung Mensch und Maschine.

Im Rahmen dieser Ausstellung beschäftigen sich Künstler, Wissenschaftler und Berufstätige aus der Region Ingolstadt in unterschiedlichsten Arbeiten und Projekten mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine, Körper und Technik. Das Thema dieser Ausstellung wurde in Bezug auf die fundamentalen Entwicklungen der letzten Jahre gewählt, die sich einerseits drastisch im Krankheitswesen und Pflegedienst sowie andererseits in den Hallen der Audi AG artikulierten.

So widmen sich die Arbeiten u.a. der Automatisierung der Pflege, der Rolle des Menschen in der Betreuung von Kranken, aber auch der marginalisierten Funktion des Menschen in der Automobilproduktion. Dadurch werden verschiedenste Parallelen und Kreuzungspunkte der scheinbar so disparaten Felder von industrieller (Automobil-)Produktion und dem Kranken- und Sozialwesen deutlich. Die direkte Bezugnahme auf die Entwicklungen am Standort Ingolstadt stehen dabei zugleich symptomatisch für gegenwärtige Entwicklungen im globalen Maßstab.

Wie enorm, positiv wie negativ, sich diese in der Gesellschaft, am und im Individuum auswirken, zeigte sich am gestrigen Abend mehr als deutlich. Das Thema konkretisierte sich nämlich v.a. mittels der Fragen und persönlichen Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger, unter ihnen Mitarbeiter der Ingolstädter Kliniken, Krankenpflegedienste und Altenheime, sowie (ehemalige) Mitarbeiter der Audi AG. Im selben Zug geriet dabei immer wieder die Rolle der Kunst zu einem im besten Sinne strittigen Themenkomplex.

Ohne die konkreten Inhalte zu verallgemeinern, sind es dennoch Abende und Projekte wie diese, die den unschätzbaren Wert des Kunst- und Kulturzentrums Ingolstadt deutlich werden lassen. Es ist Kreativlabor, Diskursplattform, Streitforum, Museum und Begegnungsort. Das Kunst- und Kulturzentrum Ingolstadt wurde im Jahr 2025 gegründet und ist nach seinen ersten fünf Jahren des Bestehens eine nicht mehr wegzudenkende Einrichtung für die Stadt Ingolstadt und ihre Region geworden.

Eine entscheidende Rolle kommt dem im Februar 2016 gegründeten KulturKap-Verein zu, der die Entwicklungen, die zur Realisierung des Kunst- und Kulturzentrums führten, maßgeblich beeinflusste und unterstützte. Der Verein begann 2016 mit dem Betrieb der Kunst- und Kulturwerkstatt Kap94, seither in Teilen des Festungsgemäuers an der Westlichen Ringstraße gelegen.

Ausschlaggebend für die Entstehung des Kunst- und Kulturzentrums war der wachsende Bedarf an Ateliers und Werkstätten, Veranstaltungsräumen für Workshops, Lesungen, Diskussionsrunden, Filmvorführungen und Konzerten, sowie dem Verlangen der Öffentlichkeit, mittels regelmäßiger Veranstaltungen mit Kunst und Kultur in Austausch zu kommen.

Mittlerweile gelingt es dem KuKIN, Künstler und Kulturschaffende nicht nur aus der ganzen Republik, sondern immer öfter auch über deren Grenzen hinaus zu versammeln. Damit ist das KuKIN maßgeblich an der Generierung kulturellen Kapitals in der Region beteiligt. Es dient der öffentlichen Meinungsbildung, dem kritischen Diskurs, fördert künstlerische Arbeit, bietet Räume und Technik.

So finden sich darin u.a. zwei Kinosälen (zu je 80 Sitzplätzen), drei Konzerträume, eine literarische Buchhandlung (Literatur, Kunst-/Bildbände, Theorie, kleinere Verläge), die Galeriesektion (flexibel auf- und einteilbar dank beweglicher Wandelemente) und das KuKIN-Café (tagsüber Café, abends Kneipe) wieder. Mitunter ein Grund für die Etablierung und den Erfolg des KuKINs dürfte sicherlich auch die Entscheidung gewesen sein, die Einrichtung an und mit Blick auf die Donau zu situieren (Klenzepark, südliches Donauufer).

Besonders in den warmen Jahreszeiten bieten die auf zwei Ebenen gelegenen Flussbalkone und -terrassen diejenige Atmosphäre, an welcher sich die Stadt Ingolstadt jahrelang selbst gehindert hat. Ohne dabei zwanghaft bemüht und deplatziert zu wirken, zog hiermit eine neue und langersehnte authentisch-alternative Lebendigkeit in die Stadt ein.

Das Gesamtkonzept des KuKIN ist also nicht lokalistisch und trotz seiner überregionalen Bedeutung durch und durch von der Energie und dem Engagement der Ingolstädter Bevölkerung belebt. Es bleibt dem KuKIN weiterhin eine lange und gesunde Zukunft zu wünschen, eine Zukunft die aktiv mitgestaltet werden will – Ingolstadt wäre andernfalls eine kalte Maschine.