Herzkammerflimmern. Was ist Mut?

[Vorsicht: Meinungsmache im Internet!!1!1!] Entgegen der ‚landläufigen‘ Meinung wird durch den neuen, ausserhalb des Wettbewerbs via DK publizierten Entwurf vor allem eines offensichtlich: Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einer Integration der Donau ins Stadtbild, die lange und oft in Worten beschrieben wurde, während die Umsetzung hinkt oder künstlich verzögert wurde.

Ingolstädter Sehnsüchte

1) Stadt an der Donau: Das Bedürfnis nach einer echten räumlichen Verbindung von Fluss und Altstadt ist evident. Erhofft wird sich mehr Freiraum und Lebensqualität. Das zeigt sich übrigens auch immer wieder bei Ideen wie der Surfwelle oder dem Donaufloss.

2) Schöne Architektur: Die Sehnsucht nach einem gelungenem Bauprojekt, das der Meinung und dem Stimmungsbild der Bevölkerung entspricht. Vor allem aber ein ästhetisches Grossprojekt, das in einem konsistenten und konsequenten Prozess tatsächlich umgesetzt wird.

3) Der Wolkenbügel: Und natürlich die Sehnsucht nach dem berühmt-berüchtigten Wolkenbügel von Braunfels.

Gründe für den Hype

Weder die Ablehnung der gewählten Wettbewerbsentwürfe für die Kammerspiele noch die Begeisterung für den Konzeptentwurf sind die Gründe für den lauten Applaus. Vielmehr wird hier deutlich, was bisher völlig versäumt wurde und nun mit einer eierlegenden Wollmilchsau nachgeholt werden soll. Die Diskussion ist nicht ästhetisch oder funktional geprägt, sondern emotional, und dessen sollte sich jeder bewusst werden, eventuell gleichzeitig seine bisherigen Argumente reflektieren.

Die Kritik

Ein Bürgermeister, der Entscheidungsprozesse demokratischer Gremien torpediert? Ein Architekt, der mit der dürftigen Ausrede, die Wettbewerbsteilnahme wäre zeitlich nicht möglich gewesen, unkollegial querschiesst? Und damit vor allem eines zeigt: scheissegal ob Ihr euch Gedanken über genius loci, Materialität, Grundrissorganisation und vor allem Umgang mit denkmalgeschütztem Bestand gemacht habt, ich steche euch mit einem schlechten Rendering [und nicht viel mehr] einfach aus. Ist ihm bewusst, dass er sich hier vor den Karren hat spannen lassen oder überwiegt eher das Geltungsbewusstsein? Gab es Gründe, warum die jetzigen Entwürfe ihre Volumen nicht am Ufer gesetzt haben? Der vorgelegte Bachschuster-Entwurf und der darauffolgende Antrag der UDI ist vor allem: undemokratisch und abwertend dem bisherigen Prozess gegenüber, bei dem Renate Presslein-Lehle in ihrer Funktion als Stadtbaurätin gezeigt hat, dass sie liefert wenn man sie nur lässt und eine vorzeitige Bürgerbeteiligung absolut stemmen kann.

Siegerentwürfe vs. random

Die aktuellen Siegerentwürfe weisen hohe gestalterische Qualität auf und erfüllen die wesentlichen komplexen Anforderungen, demgegenüber steht eine undefinierte leere Hülse, eine Floskel, ein Code. Der Entwurf, der aufgrund der mangelnden Ausarbeitung maximal als Konzept bezeichnet werden kann, als Visualisierung einer ersten Idee, ist schlicht unausgegorene, populistische architektonische Meinungsmache, die echter Substanz entbehrt, sich gegenüber dem Stadttheater dennoch überinszeniert.

Bewusst wurde beim Alternativvorschlag auf die emotionalen Faktoren Donau und Wolkenbügel gezielt, vielleicht mit dem Hintergedanken dass das hiesige Architekturverständnis entspannte 30 Jahre hinterherhängt. Und schon sprechen alle von Mut. Gleichzeitig werden diejenigen als rückständige Kleinkarierte bezeichnet, die diese Auffassung nicht teilen und sich nicht für einen postmodernen 90er-Jahre-Turnhallen-Verbindungsgang-Erweiterungsbau begeistern können.

Das Kalkül // Der emotionale Affekt

Wer jetzt den gesamten bisherigen Entscheidungsprozess nicht umschmeissen will, ist nicht revolutionär genug. Wir glauben es hat eher damit etwas zu tun, tatsächlich angemessene, zeitgenössische Architektur aushalten zu können. Schaut man es sich genauer an, ist man vielleicht auch überzeugt von den städtebaulichen Setzungen, die neue Räume schaffen und mit ‚Donauplatz‘ schon den passenden Namen haben. Gleichzeitig geben die bisherigen Entwürfe dem Theaterplatz einen angemessenen neuen Rahmen.

Die Hater!?

Die Fraktion der Lauten ist dieselbe, die sich beim bisherigen Siegerentwurf um die schönen sanierten Tiefgaragenstellplätze sorgt und die vernachlässigte Grünfläche des MKK als schützenswert betrachtet. Trotzdem haben ähnliche Personen gleichzeitig kein Problem damit, das Donauufer zuzubetonieren. Weil wir ja endlich die grosse Geste haben wollen. Opernbauten wie in Sydney und Oslo werden beschworen und online ist sowieso jeder dissertierter Architekturkritiker.

Die Betroffenen

Jeder, der irgendeine Beziehung zum Theater hat muss sich fragen, ob er diesem einen Bärendienst erweist. Wenn man den Prozess in so einer Form angreift und die Kompetenz der aktuellen Entwürfe infrage stellt, tut man dies allemal. Dazu eine Stellungnahme von Knut Weber, dem Intendanten des Stadttheaters.

Verkehrsberuhigung!?

Inkonsequent bleibt auch das Thema Verkehrsberuhigung und Verkehrsreduzierung, für das wir schon lange plädieren und das seltsamerweise bisher keine Widersprüche in der auto- und verkehrsfreundlichen Stadt erregt hat. Was spricht gegen eine Mischverkehrsfläche und eine Verbannung des Durchgangsverkehrs von der Schlosslände? Dies wird doch im vorangegangenen Wettbewerb zum Ufergelände teilweise vorgeschlagen und kann sich mit den bisherigen Wettbewerbsentwürfen ohne grössere Probleme umsetzen lassen. Und damit die räumliche Bedeutung eines echten Platzes am Wasser stärken.

BING Maps | Möglicher SharedSpace Uferbereich

Warum diesbezüglich bisher nichts passiert ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Kurzum, vor allem ein Vergleich drängt sich auf: hier werden trockene Kichererbsen Falafeln gleichgestellt, weil man aus einer arroganten Haltung denkt, dies reiche aus. Aber zumindest wurde die Sehnsucht angesprochen, die einem Rückenwind verschafft. Sollte nicht jedem einzelnen klar sein dass ein zeitgenössisches Theater zeitgenössische Architektur braucht? Das ist nichts weniger als eine Verpflichtung gegenüber der Zukunft, denn wie wollen wir später zurückblicken?

Was nehmen Wir mit? Und was wollt Ihr?

Weiterführende Links:

Kammerspiele über der Donau | Donaukurier
Totengräber der Kammerspiele | ingolstadt.blog
Stellungnahme Knut Weber | Stadttheater Ingolstadt
Leserbrief Veronika Peters | O-Thöne
Durst nach Alternativvorschlag – Paul Schönhuber | O-Thöne