Interview

Utopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Christopher BrittHead of TaktraumFestival, der bereits in seinen jungen Jahren die lokale Kultur u.a mit seiner ehemaligen Metalband Cruel bespielte und auch sonst mit reger Aktivität glänzt. Aktuell unterwegs als “Christopher Bridge”.

Unsere selbstfahrende Kurator-Karre ist nach dem Unfall von vor zwei Wochen wieder einsatzbereit! Im Gegensatz zu dem Vorfall in London sind wir glücklicherweise nicht in einen Hund, sondern lediglich in den Ingolstädter Viktualienmarkt gefahren! Anlässlich unserer bevorstehenden Millennium-Ausgabe konnten wir somit wieder sorglos Z-Prominente zum Interview beten. Lest hier die Gedanken von Christopher Britt über die Kulturentwicklung Ingolstadts, wieso alles besser als früher ist und warum Kultserien wie „Jackass“ durchaus inspirierend sein können.

Hallo Chris, erstmal herzlichen Glückwunsch zur erneut ausverkauften Ausgabe des 19. Taktraumfestivals! Hast du jemals gedacht, als du mit dieser Veranstaltung begonnen hast, dass ihr irgendwann so groß und bekannt werden würdet?

Merci! Ich hab ehrlich gesagt nicht mal daran geglaubt, dass es dieses Format so lange geben würde. Die ersten Jahre waren damals sehr schwer und haben uns alles abverlangt. Während gefühlt in allen anderen Städten der Republik das Potential einer solchen Großveranstaltung hinsichtlich der Attraktivitätssteigerung erkannt wurde, hinkte Ingolstadt wie bei so einigem weit hinterher. Ausgenommene Faktoren sind hier natürlich der enorme Bierkonsum und unsere Wirtschaftsförderung.

Woran glaubst du lag das? Was war denn das Problem?

Ich glaube, dass viele Menschen in unserer Stadt damals einfach zu bequem waren und vielleicht sogar Angst vor Veränderungen hatten. Ingolstadt war zu diesem Zeitpunkt lediglich für 2 Unternehmen und deren Sportclubs bekannt. Diese erfolgreichen Firmen brachten eine Corporate Identity ins Spiel, die sowohl als verlässlicher Arbeit- und Geldgeber als auch als einzig notwendige Institution zum Wohle der Stadt verstanden wurden. Wieso also etwas Neues ausprobieren oder unterstützen?

Wir erleben unser Ingolstadt heute als Hochburg der Kreativität, woran glaubst du liegt das?

Wir waren meiner Meinung nach schon immer eine „Hochburg“ für Künstler, nur konnte es damals selten so ausgelebt werden wie es einige vermutlich gern getan hätten. Es gab schlichtweg zu wenige Plattformen! Natürlich waren auch damals schon das Museum für Konkrete Kunst und unsere Jazzpartys zu Recht sehr anerkannt und überregional geschätzt. Nur wurde man zu dieser Zeit eher leicht belächelt als unterstützt, wenn es um subkulturelle Ideen ging.

Die Veränderung kam meines Erachtens nach mit dem – ich nenne es mal – „Hipster-Trend“. Sowohl bei den Bürgern als auch bei den Unternehmen wurde branchenübergreifend umgedacht und Faktoren wie die Entwicklung neuer Sichtweisen, Kreativität, Nachhaltigkeit, Fairtrade, gesunde Ernährung, Tattoos und Bärte zum Statussymbol. Dieser weltweite Trend wurde von Produzenten und Konsumenten aufgesaugt und einverleibt. Wobei sich hier natürlich die durchaus berechtigte Frage stellt, welche Partei die andere beeinflusst hat. Letztendlich ist der leitende Impuls für mich zweitrangig.

Wir leben aktuell in einer Gesellschaft, die mehr Platz denn je für unkonventionelle Ideen bereitstellt und Ingolstadt ist da ganz vorne mit dabei. Folglich werden seit einigen Jahren finanzielle Mittel vermehrt zur Verfügung gestellt, um neue Bühnen bzw. Freiräume für Kulturschaffende und Künstler zu kreieren. Ich denke das ist auch einer der Gründe – neben der Tatsache, dass Ingolstadt einfach wunderschön ist – wieso sehr viele Menschen hier ein neues Leben aufbauen oder eben auch nach Jahren wieder zurückkehren.

Ingolstadt ist wie eine erstklassige Staffelei, die niemals richtig benutzt werden durfte. Und jetzt, wo sie sich dem Ideenreichtum ihrer Bürger nicht mehr entzieht, verteilt sie frisch gespitzte Stifte und bittet darum, sich auf unbeflecktem Papier zu verwirklichen.

Danke für die ausführliche Antwort. Stellen wir uns mal kurz vor, dass du nichts mit Kultur oder Musik zu tun hättest. Was wäre abgesehen davon besser oder schlechter als früher?

Ich finde, dass so gut wie alles besser geworden ist! Unser Gesundheitssystem unterstützt mittlerweile jeden Bürger, der Hilfe benötigt. Die Lebensmittelindustrie musste sich dem Nachhaltigkeitstrend beugen und weist eine Transparenz auf, die es ihr in Zukunft sehr schwer machen wird, uns weiterhin diesen ganzen Müll zu verkaufen.

Die 4-Arbeitstage-Woche lässt uns alle effektiver unseren Jobs nachgehen. THC hilft meiner Großmutter ihr Leben schmerzfrei zu genießen und ich kann mit dir hier in einem selbstfahrenden Auto sitzen und gemütlich meinen Whiskey trinken. Was will man mehr? *lacht und hustet* Fehlt nur noch, dass Zigaretten rauchen endlich wieder trendy wird. *zündet sich eine an*

Das waren jetzt ausschließlich positive Beispiele für den Status quo! Gibt es vielleicht trotzdem irgendetwas, was dich stört und du daher ändern würdest? So zum Abschluss…

Das einzige, was mich heute stört, aber auch schon vor 20 Jahren gestört hat, ist, dass nur noch selten so richtig über die Stränge geschlagen wird. Klar bin ich älter geworden und man sollte sich auch irgendwo seinem Alter entsprechend verhalten. Nur wieso muss immer alles so „ernst“ vonstattengehen?!

Ich persönlich war in meiner Jugend ein sehr großer Fan von Jackass und CKY. Gar keine Frage, aufgrund ihrer vollkommenen Tabulosigkeit polarisieren diese Serien und Filme. Zu Recht! Nur hatten diese Formate nicht genau aus diesem Grund ihre Daseinsberechtigung und einen so wahnsinnig großen Erfolg? Ein Appell an alle: Werdet mal wieder kreativer, wenn es darum geht, eurem Alltag zu entfliehen! Bereitet euren Freunden und Mitmenschen witzige Situationen, in denen ihr auch mal etwas tut, was ihr vielleicht sonst nie tun würdet. Spontan, verrückt und unerwartet. Und seid euch vor allem nicht zu schade, auch mal über euch selbst zu lachen! Danke.