Dystopia

Dystopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Michael von Benkel, der in hoher Position in der Judikative tätig ist und in seiner Freizeit mit großer Leidenschaft literarische Werke schafft, die in Ingolstadt nach ihresgleichen suchen.

Schon wieder. Das ist das dritte Mal diesen Monat, daß der Computer nicht geht. Und ich dasitze und nichts tun kann. Was waren das noch für Zeiten, als es Akten aus Papier gab. Die man anfassen konnte und kein Stromausfall der Welt konnte ihnen etwas anhaben. Ich konnte sie mit nachhause nehmen und sie mir im Garten im Liegestuhl zu Gemüte führen.

Aber jetzt gibt es nur noch elektronische Akten. Und wenn die Amateure von der IT-Stelle ein neues Programm auf den Server überspielen, bricht oftmals alles zusammen. Oder wenn mal wieder der Strom ausfällt. Und die Verbrecher lachen sich ins Fäustchen. Oder bleiben im Gefängnis sitzen, obwohl sie längst entlassen werden müßten. Aber die Technikgläubigkeit der Obrigkeit drängt darauf, daß man mit der Zeit gehen muß.

Dabei darf die Technik bloß nicht viel kosten, daher nimmt man nicht die besten Informatiker, sondern die billigsten. Deshalb geht nichts mehr, jedenfalls bis in ein paar Tagen. Deswegen sitze ich hier in meinem Büro und fühle mich hilflos. Hilflos wie die älteren Menschen, die zum Online-Banking gezwungen werden. Man kann nicht mehr zu einem Schalter gehen und Geld überweisen. Weil es keine Schalter mehr gibt. Um Geld zu sparen, das man dann nur noch per Datenübertragung bekommt.

Die Menschen kommunizieren auch nur noch über ihre Geräte. Im Grunde muß man das Haus gar nicht mehr verlassen, kann von zuhause einkaufen, Konzerte besuchen und auch Bücher ausleihen. Weil es keine Büchereien mit Büchern aus Papier mehr gibt, nur noch E-Books. Das ist wie bei diesen Kino-Keksen.

Früher hat man sich nich Filme im Kino oder auf der Großleinwand zuhause angesehen. Aber jetzt gibt es diese mit Nano-Partikeln besprühten Backwaren, die irgendwelche Enyme enthalten. Auf diesen Enzymen kann man ganze Filme speichern. Die gehen direkt ins Gehirn, da kann keine Leinwand der Welt mehr mithalten, weshalb alle Kinos pleite gingen.

Statt gemütlich mit der Dame seines Herzens ins Lichtspielhaus zu gehen, sitzt man jetzt allein zuhause und läßt im wahrsten Sinn des Wortes ein Kopfkino über sich ergehen. Die Welt hat sich abhängig gemacht von Elektronik. Wenn die Technik aber ausfällt, verhungern die Menschen, weil Supermärkte, in denen man einkaufen kann, der Vergangenheit angehören. Und sie verdursten, weil auch die Wasserwerke nur noch digital gesteuert werden. Und immer wieder Angriffen durch Hacker ausgesetzt sind, die sich profilieren wollen oder irgendeiner obskuren Programmatik hinterherlaufen.

Aber diese Hacker zu erwischen setzt voraus, daß diejenigen Computer, mit denen man sie ermitteln könnte, auch funktionieren. Daß sie nicht immer tun, was sie tun sollten, auch dafür sorgen Kriminelle, die technisch dem Staat einfach überlegen sind. Aus fernen Landen dringen sie ins Datennetz ein und legen dieses lahm, um ungestört ihre kriminellen Machenschaften ausüben zu können. Die Verbrecher können sich teure Programmierer leisten.

Man kennt einander auch kaum mehr. Den Nachbarn kennt man meistens nur noch über sein geschöntes Profilbild aus den sozialen Medien. Wenn man ihm einmal in echt begegnen würde, man würde ihn wohl nicht erkennen. Und er einen selbst auch nicht. Neulich wurde sogar einmal ein Abgeordneter in den Landtag gewählt, den es gar nicht gab.

Keinem war aufgefallen, daß da ein Netz-Aktivist einen Menschen erfunden und diesen sehr sympathisch gestaltet hatte. Das Online-Votum zur Landtagswahl wählte ihn – mit hohem Abstand zum Konkurrenten. Nur, als man ihn für die Online-Zeitung ablichten wollte, konnte man ihn nicht finden. Dem Landtag wäre das wohlmöglich gar nicht aufgefallen, da die Sitzungen dort auch nicht mehr analog stattfinden.

Wie in dem Fall des verstorbenen Ministers, dessen Tod erst Monate später erkannt wurde. Er hatte nach seinem Tod noch einige Gesetze auf den Weg gebracht. Das heißt, das hat irgendein Programm für ihn erledigt. Bis man feststellen mußte, daß er nicht mehr unter den analogen Lebenden war. Nur noch unter den digital Lebenden.

Wie man auch nicht sicher sein kann, daß die Personen, denen man im Netz begegnet, immer real und lebendig sind. Experten schätzen den Anteil digitaler Karteileichen hoch ein. Und der Anteil der Bots bei Diskussionen beträgt weit über 90%. Da unterhalten sich Computer mit Computern, gelesen nur von Computern. Keinem fällt mehr auf, daß man der Datenflut nicht mehr Herr werden kann.

Nur bei mir flutet nichts, ich sitze vor dem schwarzen Bildschirm und warte darauf, daß irgend einer der geleasten Roboter in der IT-Stelle den Fehler findet, der er selber ist. Inzwischen schaue ich in meinem Mobiltelefon nach, ob ich neue Nachrichten habe. Eigentlich unnötig, denn meine spezielle App beantwortet Mails ohnehin automatisch. Ganz genau auf die Art und Weise, wie ich sie auch beantworten würde. Ich weiß zwar nicht, was da in meinem Namen passiert. Aber der Absender der Nachricht meint zumindest, beachtet zu werden. Wenn es sich denn um einen Absender aus Fleisch und Blut handelt. Denn die meisten meiner Kontakte sind wohl nur aus Bits und Bytes und nicht real.

Ich fühle mich gefordert von einem Bekanntenkreis, den es gar nicht gibt. Auch in dieser Vorgehensweise bin ich nicht alleine. Zwar gab es einmal eine Bestrebung, daß man im Netz rein digitale Personen als solche zu kennzeichnen habe. Ein von realen Menschen begrüßter Gesetzesentwurf. Aber dagegen hat ein einflußreicher Bot geklagt und sich auf Diskriminierung digitaler Persönlichkeiten berufen. Schließlich hätten auch Programme Rechte. Und er hat vom digitalen Verwaltungsgericht recht bekommen. Weil es kaum noch Richter aus Fleisch und Blut gibt. Ich bin einer der letzten.

Die anderen wurden ersetzt durch eine Matrix aus Vorschriften und Rechtsprechung. Man füttert sie mit Fragen und erhält, wenn man Glück hat, eine Antwort, die ein Computer verstehen kann. Man wartet gerade, bis man auch mich durch einen unfehlbaren Algorithmus ersetzen kann, der keinen Lohn erhält und bei Bedarf in seinen Entscheidungen leichter vom politischen Programmierer der Staatsregierung steuerbar ist.

So sitze ich hier und schaue mir selbst beim Verschwinden zu. In ein paar Monaten gehe ich in Pension. Mein Nachfolger braucht kein Büro mehr, der Raum wird auch gebraucht für die elektronischen Techniker, die meine digitalen Kollegen in Schuß halten. Wenn nur der Strom fließt. Und der programmierte Hacker nicht die Firewall durchdringt. Und ich im Dunklen dasitze und um mich herum Stille herrscht.