Communis

Utopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Lena Basalt, Doktorandin der Literaturwissenschaften im Themebereich marxistische Theorie.

Ich beginne mit einem Geständnis: Seit mich die Jugendvertretung des Ingolstädter Sowjets gebeten hat, einen Beitrag für ihren interaktiven Blog „2030/10“ zum 10-jährigen Bestehen der sozialistischen Weltrepublik zu verfassen, habe ich alles unternommen, mich vor dieser Aufgabe zu drücken. Ich habe den längst überfälligen Papierkram fürs Institut für dialektischen Materialismus an der LMU erledigt, beim Aufbau des kommunalen Wohnprojekts „Richard Scheringer“ geholfen (man war ein wenig unglücklich darüber, ich bin handwerklich unbegabt) und mich in ungezählten Diskussionen im Weltinterface beteiligt. Aber trotz aller Aufschieberei, es hilft nichts, morgen ist Abgabetermin und man erwartet von mir, dass ich was liefere. „Am besten irgendwas, wie es damals, zu kapitalistischen Zeiten, hier war, so im Jahr 2017, als wir alle noch Kleinkinder waren“, hat mir Melanie, die mit 14 schon Vorsitzende der Jugendvertretung irgendetwas aus den Fingern zu saugen.

Beginnen wir mal: „Im Jahr 2017 sah die Welt noch ganz anders aus.“Ein langweiliger Anfang. Aber es stimmt. Wer heute aufwächst, kann sich kaum vorstellen wie die Welt, wie unsere Stadt vor ein bisschen mehr als einem Jahrzehnt noch ausgesehen hat. Hier, wo heute der Platz des Weltfriedens ist, war damals, im Jahr 2017 noch der Rathausplatz. Eine öde Fläche aus gräulichem Stein, es gab noch keine Rasenfläche, nicht den kleinen See und die vielen Bäume. Statt dem bunten Kulturpalast, wo gerade eine gut besuchte Vorlesung zum Thema „Utopie in der Kunst der Gegenwart“ eines bekannten Literaturwissenschaftlers aus Ingolstadt stattfindet (dass es mal so ein Interesse an der Kunst in Ingolstadt geben könnte, wer hätte das vermutet?), warfen damals nur die sterilen und hässlichen Bauten des Rathaus und einer Bank ihre Schatten. Der Platz war tot, wie die ganze Innenstadt. Unvorstellbar damals, dass sich hier mal so viele Menschen in der Sonne im Gras fläzen, musizieren, malen, spielen oder in Grüppchen über Politik sprechen. Manche planschen auch einfach im kleinen See und treiben Unfug mit den Enten.

Natürlich: Damals, als ich am Ende meiner Zwanziger war, war die Stadt insgesamt noch ein mehr oder minder verlassener Ort, ein besserer Wurmfortsatz eines Automobilkonzerns. Die Straßen waren voller lärmender Autos, es gab keine elektrische Straßenbahn, überall herrschte totalitär-kapitalistischer Konsumterror und Anpassungszwang. Unvorstellbar damals, dass heute die ganze Stadt begrünt ist, wie ein einziger Park. Ich gehe im Geist durch die Ludwigstraße meiner Jugend und komme mir vor, als würde ich mich an ein vergangenes Zeitalter, an die kapitalistische Antike zurückerinnern: Damals gab es hier nur ein paar Geschäfte und Cafés, die häufig schließen mussten, da die Menschen lieber in den gigantischen Konsumhöllen, in sogenannten „Einkaufsmeilen“ ihr Geld ausgaben. Wer Graffitis machte, wurde eingesperrt, Straßenmusiker wurden von irgendwelchen grauen Beamten gegängelt, es gab Bettler, die Polizei fuhr dauernd Streife, omnipräsente Werbung sagte uns, wie wir auszusehen und was wir zu kaufen hatten.

Dagegen heute: Überall sieht man Menschen, die sich künstlerisch betätigen: An der alten Apotheke malen gerade Jugendliche an einem Wandgemälde, drüben, vorm Eingang zum neuen Theater, probt eine Laiengruppe ein Brechtstück, ein wenig abseits spielen ein paar Kinder im Erlebnisspielplatz, der dort errichtet wurde, wo einmal eine üble Shoppinghölle stand, die besonders billige Kleidung verkaufte. Ganz Ingolstadts ist, mit auf den Weg gegeben. Und so sitze ich hier, in der Abendsonne am Platz des Weltfriedens und versuche mir im Sinne des kommunistischen Dichters Tretjakow, der zum Leitspruch der Stadt und der Weltgesellschaft wurde: „Das Leben soll zur Kunst werden, die Kunst zum Leben.“

Meistens steht diesem Spielplatz gegenüber eine Gruppe alter, verbiesterter Herren – manche kenne ich aus meiner Jugend noch – die Schilder hochhalten, mit Aufschriften wie: „Spielt nicht, arbeitet!“ oder „Sozialismus ist gottlos“. Das ist die Dauermahnwache des Vereins zur Rettung der deutschen Nation, eine Gruppe Ewiggestriger, die sich zurücksehnen in die Zeiten, als sie noch Manager, Stadträte, Würdenträger und sonstige wichtig-unwichtige Leute waren. Ich fühle fast etwas Mitleid mit diesen Menschen, die sich einfach nicht in das neue Leben einfinden wollen, die nicht einsehen können, dass dort, auf dem Spielplatz ihnen gegenüber, Kinder toben, die nicht wissen, was Armut bedeutet, Obdachlosigkeit oder Klassenunterschiede, Kinder die aufwachsen werden, ohne das Konzept von „Rasse“, Nation, oder Heteronormativität zu kennen, Kinder, für die der Kapitalismus eine Einrichtung einer vergangenen Zeit ist, über die man sich im Museum informiert.

Die meisten, die vorbei gehen, nehmen die seltsame Mahnwache nicht ernst, Spott leuchtet in ihren Augen, manche machen sich unverholen über die Anzugträger von einst lustig. Beulkt gehen sie dann in das etwas überdimensionierte Ratsgebäude der Volkskommune Ingolstadt, das gekrönt ist von der roten Fahne mit Hammer und Sichel, um gemeinsam über Ernsthaftes, nämlich die Entwicklung unserer Stadt, zu beraten. Für sie, insbesondere die Jugendlichen, ist es selbstverständlich, dass sie über das weltweite Interface die Geschicke der Weltregierung bestimmen, dass sie und nicht irgendwelche grauen Anzugträger die Stadt, das Land, die Welt regieren. Man diskutiert in den Blogs, in den Chaträumen oder auf der Straße, schimpft darüber, dass der Prozess gegen Trump noch nicht zum Ende kam, fordert, dass die Sowjetrepublik Deutschland endlich als letztes Land der Erde Hanf legalisieren soll, kritisiert die jüngsten Beschlüsse des Ingolstädter Sowjets, das Kongresshotel doch nicht abzureißen, fordert die Abwahl dieses oder jenes Delegierten in einem der unzähligen Sowjeträte. Ständig werden Wahlen abgehalten, ständig Abstimmungen.

Ich finde das fast schon anstrengend, aber das liegt daran, dass meine Generation diese umfassenden Möglichkeiten der Mitbestimmung nicht kennen. Während man uns in meiner Jugend durch Schule, Medien, Uni, Staat und Polizei regelrecht von der Politik fernhielt, unternehmen wir heute alles, die Jugend der Welt zu politischen Menschen zu erziehen. Und mit Erfolg: Überall und in jeden Bereich mischen sie sich heute ein, gestalten das Leben und die Welt mit und fordern immer weitere Partizipation. Deswegen sind die Chaträume zur politischen Diskussion immer übervoll, deswegen drängen sich gerade die jungen Leute vor den Büros zur Wirtschaftsplanung, um Eingaben zu machen, Verbesserungsvorschläge, Kritik zu üben, Funktionäre abzuwählen, usw.

Und natürlich können sie das, denn sie haben die Zeit dazu: 2017 mussten Menschen vielleicht 8 oder 9 Stunden am Tag arbeiten, die Ärmsten der Armen sogar wesentlich mehr. Manche hatten zwei oder drei Jobs, um überhaupt leben zu können, denn damals musste man noch für Miete, für Elektrizität, Strom, Transport, Nahrung und Internet zahlen. Dinge, die heute für alle Menschen auf der Welt selbstverständlich kostenlos ist. Genauso wie es selbstverständlich ist, dass die maximal zulässige Arbeitszeit auf 4 Stunden am Tag festgeschrieben ist. (Und wozu sollten wir mehr arbeiten, das erledigen eh die Maschinen für uns). 2017 waren die Menschen dagegen an die Maschinen geknechtet, Sklaven der Betriebe…

Undenkbar im Jahr 2017, dass es einmal eine Gesellschaft geben könnte, in der jeder Mensch das Recht auf Selbstentfaltung hat, in der systematisch die Möglichkeiten, das Leben zu genießen, ausgeweitet werden? Damals, vor 13 Jahren, träumte davon kaum einer bis auf die wenigen Marxisten. Und die wurden belächelt, wenn sie darauf hinwiesen, dass der Kapitalismus nicht ewig währen kann. Ich erinnere mich noch, wie den Leuten das Lächeln erstarb, als 2018 die große Krise kam und in Ingolstadt plötzlich 80% arbeitslos waren, da alle Automobilkonzerne ihre Produktion automatisierten. Wer hätte sich gedacht, dass dieser Schritt die letzte Krise des Kapitalismus auslöst, sein Ende und eine neue, sozialistische Gesellschaft in der die Utopie real wird?

Zugegeben: Noch ist nicht alles rosig bei uns: Antisemitismus, Rassismus und Faschismus sind zwar offiziell Verbrechen, aber noch gibt es unter den Alten solche, die sich was drauf einbilden, als Weiße in einem Landstrich geboren worden zu sein, der Deutschland heißt. Aber: Ich weiß von vielen von euch, wie fremd euch dieser Gedanke geworden ist, dass ihr kaum das Konzept von Grenzen versteht, und das ist gut so. In wenigen Generationen werden die Nationen verschwunden sein, das weltweite Interface, die Zusammenarbeit aller Völker untereinander, der gezielte Austausch (man denke nur an den Schüleraustausch mit Legmoin). All das zerbricht den Nationalismus. Aber noch gibt es Nationalismus, noch müssen wir gemeinsam dagegen ankämpfen, genauso gegen Antisemitismus, Rassismus und Sexismus.

Dieser Kampf gegen die letzten Reste reaktionären Gedankenguts ist euer Kampf, den ihr gewinnen müsst. Wir stehen mit der Entwicklung einer neuen Gesellschaft erst am Anfang, noch ist viel zu tun. Gerade in Ingolstadt, einer Stadt, die auf die kapitalistische Wirtschaft ausgerichtet war, wie keine andere. Ich kann nicht leugnen: Nach dem Ende des Kapitalismus verliert die Stadt an Bedeutung und Einwohner, denn diejenigen, die damals hier regierten, haben wenig mehr getan, als die Stadt auf den Kapitalismus auszurichten.

Statt Volkskommune nannte man Ingolstadt damals „Bürgerkonzern“ und meinte damit (auch wenn man den Leuten was anderes erzählte), dass die Schanz wie ein Unternehmen geführt wurde. Klar, dass Ingolstadt, wie ganz Europa, deswegen in der Zeit nach dem Kapitalismus, nicht mehr so bedeutend ist, kaum wirtschaftliche Macht hat (auch wenn das Gentechnikinstitut VEB Frankenstein natürlich eine Größe ist und bleiben wird). Aber, ist das wirklich schlimm?

Wenn auch mehr Leute nach New York, Mumbai, Tsvane oder Havanna ziehen, um den Aufbau der automatischen Fabriken zu beaufsichtigen, um immer neue und intelligentere Roboter zu basteln, um beim Bau des Fusionsreaktors mitzuhelfen, sich bei den Weltsowjets einzubringen oder der Partei, wir können dennoch stolz auf unsere Schanz sein, die zu einer der schönsten Städte der deutschen Sowjetrepublik wurde. Eine Stadt, die wie keine zweite für Kunst und Kultur einsteht und gerade darum anderen Städten als Vorbild dient. Ein Besucher aus der Sowjetrepublik Bangladesh meinte jüngst, die Stadt sei ein Gesamtkunstwerk. Und das kann uns doch nur freuen, oder nicht? In diesem Sinne wünsche ich euch und uns weitere zehn Jahre des schönen Lebens, in denen wir gemeinsam dafür kämpfen, die Welt nach dem Kapitalismus als Ganzes zum Kunstwerk zu machen.