AudiO

Utopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Christian Pauling, Absolvent am Transmedialen Institut der Universität der Künste Berlin, aktives Mitglied der Linkspartei und seit vielen Jahren im Kollektiv kurator in Ingolstadt aktiv.

Wir sind im Jahr 2030 und blicken zurück auf einen atemberaubenden Wandel, den unsere Stadt die letzten 10 Jahre vollzogen hat. Vom Produzenten luftverschmutzender Vehikel, zum anerkannten Mobilitätspartner von Städten auf der ganzen Welt, der weltweit vielen Menschen Arbeit bietet, die Lebensqualität in einem globalen Maßstab verbessert hat und nicht zuletzt eine positive Auswirkung auf das gemeinsame Miteinander entfalten konnte.

Den Beginn nahm dieser Wandel mit einer Rede des Vorstandsvorsitzenden der AUDI AG, Rupert Stadler, die international Anerkennung für die in ihr liegende kritische Reflexion fand und heute als Musterbeispiel visionären Weitblicks und Führungsstärke rezipiert wird. Mit dieser Ansprache wurde eine Entwicklung angestoßen, die Audi vom einfachen Blechpresser zum globalen Systemanbieter hat werden lassen, der heute Firmen wie Google und Tesla überflügelt und weltweit für seine Haltung und Werte gefeiert wird.

Zum zehnjährigen Jubiläum dieser „Großen Rede von Ingolstadt“, möchte wir hier mit einem kleinen Auszug zurückblicken. Prof. Rupert Stadler, CEO AUDI AG, Ingolstadt,16 Juli 2020:

“Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Ingolstädter, wir haben bewegte Jahre hinter uns und haben nicht nur einmal in den Abgrund gesehen. Angefangen mit dem Abgasbetrug und seiner skandalösen Abhandlung durch Bestechung der Mitarbeiter des Kraftfahrtbundesamt, dem Aufstand der Häftlinge in der Abschiebeanstalt und seiner blutigen Niederschlagung unter Beifall der Ingolstädter Bevölkerung bis hin zu dem Vorschlag von McKinsey, der mir letzte Woche unterbreitet wurde.

Dieser Vorschlag beinhaltet, im Zuge unserer Modernisierungsstrategie, 75% unserer Angestellten zu entlassen, da wir diese aufgrund der Fortschritte künstlichen Intelligenzen und der geringeren Komplexität von Elektrofahrzeugen bald nicht mehr benötigen werden. Wir leben in einer Zeit der Entsolidarisierung, der Zeit menschlicher Kälte, Arroganz und Egozentrik und ich bin nicht bereit, diese Entwicklung länger mitzutragen.

Sie fragen sich mit Sicherheit, warum ich unsere Firma mit diesen gesellschaftlichen Problemen in Verbindung sehe, und ich möchte Ihnen nicht nur meine Ansicht mitteilen, sondern auch einen Vorschlag unterbreiten, der die größte Revolution seit der Gründung dieser Firma darstellt. Die Gründe für die schrecklichen Ereignisse der letzten Jahre liegen in meinen Augen tief in unserer Markenidentität begraben.

Es ist die Exklusivität, die uns entzweit, die dafür sorgt, dass sich einige von uns sehr viel besser fühlen als andere. Nicht zuletzt diese Arroganz hat dazu geführt, dass wir unser eigenes Handeln, unsere eigenen Produkte nicht mehr reflektiert haben und an den Bedürfnissen der Menschen auf dieser Welt vorbei produzierten.

Während Google und Tesla qualitative Visionen haben, die die Welt als Ganzes betreffen und den Anspruch haben, diese für alle Menschen besser zu machen, was die Leute weltweit begeistert, wollten wir lediglich der größte Premium-Hersteller werden und nur noch mehr Kapital anhäufen. Wir wollten immer mehr Autos produzieren, in einer Welt, die ökologisch am Abgrund steht, in einer Welt, in der eigentlich kein Mensch mehr Autos in Städten haben will, geschweige denn Fahrspaß im Stau empfindet.

Diese Überlegungen haben mich dazu veranlasst, unser Schaffen als Unternehmen neu zu überdenken. Wenn wir besser als Tesla und Google sein wollen, reicht es nicht ihre Produkte und Services zu kopieren, wir müssen eine größere Vision formulieren, die die Menschen begeistert! Wenn Sie mir das Mandat dazu geben – und ich werde Ihnen in einer Basisabstimmung aller Mitarbeiter die Möglichkeit dazu geben – werde ich unser Unternehmen zukünftig auf drei Säulen, drei Ansprüchen aufbauen:

Erstens, der Mobilitätserfahrung. Schneller Transport, Fahrspaß und eine ästhetische Erfahrung mit einem qualitativ hochwertigen Produkt. Zweitens einer positiven ökologischen Wirkung, die über reine Nachhaltigkeit hinausgeht. Ein umweltverträgliches Produkt, von der Produktion, über die Nutzung bis zur Entsorgung ist das Mindeste. Ich will darüber hinaus, dass unsere Produkte nicht nur umweltneutral sind, sondern einen positiven Beitrag leisten. Die Luft reinigen, die Biodiversität steigern.

Und drittens, eine soziale Verträglichkeit. Das heißt eine positive Wirkung unserer Produkte und Service auf alle, die mit ihnen in Berührung kommen und von unserem Wirken als Unternehmen betroffen sind. Wenn Sie mir ihr Vertrauen geben, werden wir sofort entsprechende Schritte einleiten. Wir werden Kapital für unsere Vision einsammeln, das Unternehmen Local Motors kaufen und einen Wandlungsprozess einleiten, an dessen Ende wir keine Autos mehr produzieren, sondern ganze Fabriken.

Fabriken, die auf der ganzen Welt lokal Mobilitätssysteme produzieren, vor Ort Arbeitsplätze schaffen und uns dadurch nicht zuletzt den Migrationsdruck aus wirtschaftlich abgehängten Regionen nehmen. Wir werden unsere Mitarbeiter umschulen und sie in die Welt schicken, um Partnerstädte anzuwerben und diese Fabriken aufzubauen. Wenn wir Sinn und Werte für die Menschen in der Welt schaffen können, werden wir diese Welt erobern, werden wir zu ungeahnten Größe aufsteigen können. Nicht als Unternehmen, sondern als globale Gruppe, als Plattform, die ihren Sitz hier in Ingolstadt hat.

Dieser Weg wird steinig sein, aber ich bin fest überzeugt, dass wir gemeinsam die Kraft haben ihn zu beschreiten. Die nächsten 5 Jahren werden dafür entscheidend sein und ich biete Ihnen an, dass ich persönlich in Vorleistung gehe. Ich habe bereits viel Geld in diesem Unternehmen verdient und ich werde die nächsten Jahre für einen symbolischen Euro arbeiten, um Geld für die nötigen Investitionen frei zu machen und ich appelliere an alle Manager in unserem Unternehmen, soweit es ihnen möglich ist, einen eigenen Beitrag zu leisten.

Wir im Management haben die aktuelle Misere mit zu verantworten und wir werden das Ruder rumreißen. Vertrauen Sie mir und vertrauen Sie Ihren eigenen Fähigkeiten, nach 5 Jahren werden wir unseren Einsatz vervielfachen und dann den Gewinn in Unternehmensanteile einbringen können. Lassen Sie uns in unsere gemeinsame Organisation investieren. Let’s make Ingolstadt great again!

Um diesen Wandel zu untermauern, schlage ich vor, unser Unternehmenslogo von vier Riegen in einen Kreis zu umzuwandeln und unseren Namen von Audi in AudiO zu ändern. Nicht „horch“, die arrogante Anweisung zuzuhören, sondern AudiO – „Ich höre“, ein Unternehmen mit offenem Ohr und Blick für die Probleme der Welt, das sich diesen mit Technik und Know-how annimmt.

Ich hoffe, Sie für diesen Weg gewinnen zu können und bin fest überzeugt, dass wir hier zusammen in Ingolstadt großes für die Welt leisten können und dadurch nicht zuletzt unseren eigenen Wohlstand sichern! Lassen sie uns wieder nach Vorsprung streben, in allem was wir tun!”