1 Gruß

Utopie aus dem Ingolstadt der 2030er Jahre. Von Kevin Reichelt: rotzfresher Ingolstädter, Vater, Brüllaffenslammer, Was-zu-sagen-haber, Textmensch, Günni-Nachfolger und Head der Szene, der für ein reichhaltiges Kulturangebot in Ingolstadt sorgt.

Hey, Ingolstadt! Weißt du noch, damals im Jahr 2010? Als die Diskussion um die Bebauung des Gießereigeländes? Es ist nun das CongressCentrum geworden, ein Hotel, eine Tiefgarage. Dennoch thront Kavalier Dalwigk noch immer aus dem Landschaftsbild, nicht mehr alleine, aber immer noch majestätisch. Gott sei Dank. Zwanzig Jahre ist das nun her,  es hat sich viel geändert. Das Gießereigelände ist ein Spiegel deiner Seele. Hin und hergerissen zwischen Moderne und Tradition, keine Stadt hat es geschafft, diesen Spagat so fortschrittlich, aber auch so charmant zu lösen.

Es hat sich tatsächlich viel geändert in den letzten 20 Jahren. Die Landesgartenschau hat auch aus dem biederen nördlichen Stadtrand eine Grünanlage gemacht, und das liegt nicht nur am Westpark. In der Saturn Arena wurden mittlerweile vier Meisterschaften gefeiert, der ERC Ingolstadt hat sich zu einer wahren Größe entwickelt. Im Peter-Jackwerth-Sportpark ist der FC Ingolstadt 04 auf-, ab- und wieder aufgestiegen. Dass der FC Audi Ingolstadt, wie der Verein mittlerweile heißt, unter Trainer Stefan Leitl wirklich den Sprung in den Europapokal geschafft hat, glaubt immer noch wirklich keiner. Gesprächsthema Nummer eins im Süden, wenn tagtäglich zig Familien im Ikea ein- und ausgehen und Kötbullar essen, bleibt aber nicht nur der Sport, sondern weiterhin auch die Politik. Denn so viel hat sich gar nicht geändert im Inneren der Stadt. Primark ist wieder ausgezogen, dafür haben immer mehr Einheimische den Schritt gewagt und kleine Geschäfte, Cafés und Kneipen eröffnet.

Der Donaukurier schreibt weiterhin drüber: Über die erneute Wiederwahl der CSU, über die Wiederöffnung des Maki Ingolstadt unter alter Affenflagge, über die Kulturszene, die in keiner Stadt so floriert wie hier in Ingolstadt. Die Audi Sommerkonzerte locken weiterhin zehntausende Menschen in den Klenzepark, Poetry Slams füllen die kleinen und großen Hallen und viel wichtiger: In den Cafés und Restaurants wird viel mehr angestoßen. Weniger Gemecker, mehr Genuss. Unter diesem Motto läuft das schon seit Jahren. Die Donaubühne hat sich zu einem wichtigen Treffpunkt für jung und alt entwickelt, die Stadt wächst und wächst, am Nordbahnhof sogar immer weiter in die Höhe. Nur der Himmel ist die Grenze, und wer bei den Rooftop-Partys über die Stadt blickt, der kriegt vom Wind den wichtigsten Cocktail serviert.

Ein Mix aus Freiheit, Heimat und Glück. Und während man da so oben steht, und sieht, dass es keinen Schandfleck mehr gibt, titelt die Süddeutsche Zeitung von morgen: „Ingolstadt, eine Erfolgsgeschichte“. Die einstige Boomtown ist viel mehr als nur das, heißt es da. „Ingolstadt hat seine Werte nie vergessen und so in den vergangenen Jahren aus Problembezirken und Problemvierteln wichtige Teile der Stadt gemacht. Nirgends ist die Integration so gut gelungen wie in Ingolstadt. Zwischen Audi-Werkshallen und den alten Festungsbauten aus dem Krieg hat sich ein Wir-Gefühl gebildet, dass nicht nur zwischen Arm und Jung, sondern vor allem zwischen Schanzer und Zugezogener entwickelt hat. Die Schanz bietet Chancen, wirtschaftlich, kulturell und menschlich. Ingolstadt ist multikulti, und das nicht mit dem Hammer, nicht mit Gewalt, sondern mit der Feile, sehr filigran und sehr wohlgewollt.“ So in etwa könnte man das lesen. 

Das Wichtigste aber, merken wir derzeit, wenn wir durch die Straßen fahren. Diese sind zwar immer noch mit Baustellen übersät, aber es stört uns nicht. Überhaupt, die Menschen am Stadtrand lächeln und gehen mit einem Grinsen durch die Stadt. Und das nicht, weil am Wochenende wieder das Taktraumfestival ansteht, sondern immer. Weil es in Ingolstadt allen gut geht. Weil das Portemonnaie an Endorphinen prall gefüllt ist. Genau deswegen wurde auch der Audi TT vom Westpark Kreisel geholt. Ein Kran hat ihn unter großem Applaus von seinem Platz gehoben und durch eine neue Statue ersetzt. Eine, die die Seele der Stadt fast so gut beschreibt, wie das Gießereigelände. Eine Statue mit Menschen. Sportler, die jubeln, Menschen, die tanzen, Schanzer, die sich in den Armen liegen. Eine Gemeinschaft, die das Fundament einer Stadt bildet, die sich treu geblieben ist und sich dennoch weiter entwickelt hat. Die gemerkt hat, dass Vorsprung durch Technik nichts ist, ohne Vorsprung im Herzen. Eine Stadt zwischen Großstadt und Dorf. Eben das, was du schon immer warst, Ingolstadt. Es wird Zeit, dass du groß wirst, endlich auch im Herzen.